Israelitische Kultusgemeinde Bamberg "Or Chajim" |
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Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2011
Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. von rechts nach links: Dr. Nikolai Czugunow-Schmitt, 1. Vorsitzender der Willy-Aron-Gesellschaft e.V., Dr. Heinrich Olmer, 1. Vorsitzender der IKG Bamberg. Rede des Vorsitzenden der IKG Bamberg: "Auschwitz" - dieser Name ist Inbegriff für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Er steht für den Versuch, ein ganzes Volk auszulöschen. Was uns an Auschwitz erschüttert und fassungslos macht, das ist nicht allein das Ausmaß des Völkermordes. Es ist die fabrikmäßige Rationalität, die Maschinerie. Es sind die Schicksale, die hinter den Opferzahlen stehen - die Lebensgeschichten von Männern, Frauen und Kindern aus ganz Europa, die hier getötet wurden, weil die Nationalsozialisten ihnen das Recht zu leben absprachen. Die Nationalsozialisten kamen weit mit dem Versuch, das Volk zu vernichten, das nach biblischer Überlieferung von Gott die Zehn Gebote erhalten hat, und sie wollten diese Gebote selbst und den Respekt vor der Heiligkeit des Lebens auslöschen. Sie wollten den Deutschen das Gewissen austreiben. So ist die Schoah mehr als ein ungeheuerlicher Verstoß gegen moralische Prinzipien, die alle Kulturen und Religionen verbinden. Sie ist der Versuch, alle Moral abzuschaffen. Das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten hat gezeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, wie zweischneidig die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, wie zerbrechlich die kulturellen Sicherungen, auf die wir uns täglich wie selbstverständlich verlassen. Hitler und seine Mittäter hätten ihre Verbrechen nicht begehen können, wenn es nicht so viele Mittäter und Mitläufer gegeben hätte: glühende Fanatiker, aber auch "ganz normale" Männer und Frauen, stumpfe Befehlsempfänger und bedenkenlose Profiteure, in denen uns die Banalität des Bösen begegnet. Und schließlich die vielen, die wegschauten und schwiegen. Diese Vergangenheit in eine Beziehung zur eigenen Gegenwart und Zukunft setzen und Lehren aus ihr ziehen - das ist der Sinn unseres Erinnerns. Wir erinnern uns aus Respekt vor den Opfern. Wir erinnern uns, um, aus der Geschichte zu lernen. Und wir erinnern uns um unserer selbst willen. Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Wer die eigene Geschichte nicht wahrhaben will, nimmt Schaden an seiner Seele. Das gilt für jeden Menschen. Und ich bin überzeugt: Es gilt auch für Völker und Nationen. Denn nur mit der Erinnerung leben, birgt die Chance, mit sich und anderen ins reine zu kommen. Die Verantwortung aus der Schoah ist Teil der deutschen Identität. Die Trauer über die Opfer, die Scham über die furchtbaren Taten und der Wille zur Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und den Kriegsgegnern von einst - sie führen uns zu den Wurzeln unserer Republik: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." So lautet der erste Artikel unseres Grundgesetzes. Dieser Satz ist die Antwort auf die Erfahrung der Hitler-Diktatur. Er ist ein Bekenntnis zu Menschlichkeit und Freiheit. Es geht um die Frage, wie Menschen - also: wie wir - miteinander umgehen: Wie wollen wir miteinander leben - in unserem Land, in unserer Einen Welt? Wie gelingt es uns, wenn wir einander begegnen, bei all. unserer Verschiedenheit nie zu vergessen: Der Andere, das ist ein Mensch. Einzigartig. Gleichwertig. Das geht uns alle an: ganz gleich, wann und wo wir geboren sind; ganz gleich, ob wir zur Generation der Kinder, der Enkel oder Urenkel gehören. Es ist gut, dass Bundespräsident Roman Herzog 1996 den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus proklamiert hat. Es ist gut, dass die Vereinten Nationen diesen Tag 2005 zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt haben - denn die Lehren aus der Geschichte sind wichtig für alle. Das deutsche Volk hat sich seiner Geschichte gestellt und wir lassen seinem Ringen mit ihr nicht nach. So steht die Auseinandersetzung mit dem Naziregime und seinen Verbrechen in den Lehrplänen aller Schulformen. Aber Untersuchungen zeigen immer wieder, dass es mit dem Geschichtswissen bei unseren jungen Leuten nicht zum Besten steht. Das betrifft nicht allein ihr Wissen über die erste deutsche Diktatur und den Holocaust; aber da ist der Befund besonders bedrückend. Wie passt das zusammen? Fehlt es da an Unterrichtszeit, an guten Büchern und Filmen, an pädagogischen Hilfen für die Lehrer? Fehlt es an Zusammenarbeit mit außerschulischen Geschichtsprojekten, die es doch fast überall längst gibt? Ich sehe hier eine gemeinsame Aufgabe für alle in Deutschland, denen die Zukunft der Erinnerung (Roman Herzog) wichtig ist. Sie sollten zusammenfinden und zusammen arbeiten. Wir wollen dafür viele Wege bahnen, und für junge Menschen auch viele Wege außerhalb des Klassenzimmers. Wir wollen erreichen, dass alle Schulen in ihrem Umfeld gute Partner für den Geschichtsunterricht finden können. Die Anstrengung lohnt sich, das wissen alle Lehrerinnen und Lehrer, die sich in diesem Bereich schon engagieren. Die Anstrengung lohnt sich auch deshalb, weil diese historische Bildung zugleich ein Baustein für die Humanität der Gesellschaft ist, in der wir morgen leben werden. Das Ziel ist hoch gesteckt: Wir wollen erreichen, dass die Seele jedes Menschen berührt wird vom Leid der Opfer, vom Mut der Helfer und von der Niedertracht der Täter. Das ist unser gemeinsamer Auftrag, denn die Zeit wird kommen, in der kein Mensch mehr am Leben sein wird, der aus eigener Erfahrung über die Jahre vor 1945 berichten kann. Deshalb ist das Gespräch der Zeitzeugen mit den Nachgeborenen so wichtig. Denn eines Tages werden die jungen Menschen, die heute den Alten zuhören, die unmittelbarsten Träger der Erinnerung in Deutschland sein. Die größten Feinde der Erinnerung sind die Verdrängung und die Lüge. Wir dürfen nicht zulassen, dass Holocaust-Leugner und Extremisten aller Art in unserem Land Beifall oder auch nur Verständnis finden. Wer gegen Juden und andere Minderheiten hetzt, wer Anderen die Menschenwürde abspricht, hat nichts aus unserer Geschichte gelernt. Treten wir solchen Leuten entschieden entgegen. |