Israelitische Kultusgemeinde Bamberg "Or Chajim"

 

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Gedenken zur Reichspogromnacht und
feierliche Namensgebung von Synagoge und Gemeindesaal

Gedenken zur 70. Wiederkehr der Erinnerung an die Reichspogromnacht

"Mehr Aktion statt Resignation", Fränkischer Tag, 10.11.2008

GEDENKSTUNDE - Heinrich Olmer stellte Forderungen an die Politik. Mit einer Kranzniederlegung gedachte die Stadt Bamberg der Reichspogromnacht.

Von unserem Mitarbeiter Harald Rieger

Bamberg - Gestern vor genau 70 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen - auch in Bamberg. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde gedachten am Nachmittag viele Bamberger am Synagogenplatz der Menschen, die den grausamen Verbrechen des NS-Regimes zum Opfer fielen.

"Was in jener Nacht auf dem 10. November 1938 geschah, war ein schlimmes Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte Oberbürgermeister Andreas Starke.

Obwohl die Gotteshäuser vor aller Augen angezündet und Geschäfte öffentlich geplündert wurden, hätten viele einfach weggesehen. "Daher ist es auch nach 70 Jahren umso wichtiger, dieser Schreckenstat zu gedenken und alles dafür zu tun, dass sich diese Schreckenszeit nicht mehr wiederholt", mahnte Starke. Heinrich C. Olmer, Erster Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde, unterstrich die Bedeutung des Gedenktages: "Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, welche Folgen es haben kann, wenn wir nicht jeglichen antidemokratischen Strömungen entgegentreten." Dies sei eine große Herausforderung für die Schulen und die Jugendarbeit.

Olmer fand es empörend, dass eine Partei mit öffentlichen Mitteln in Höhe von 1,2 Millionen Euro gefördert werde, obwohl sie sich nicht von der "braunen Diktatur" und ihren menschenverachtenden Zielen distanziere: "Wir dürfen nicht zulassen, dass Demokratiefeinde über Parteienfinanzierung unsere mühsam geschaffene, freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährden." Es sei unerhört, wenn Rechtsextreme auf Kundgebungen ihre "braune Propaganda" zeigen dürften und "Warner vor dem braunen Mob" mit strafrechtlichen Mitteln rechnen müssten. "Die Politik muss mehr Aktion als Resignation zeigen und Polizei, Gerichte und Gesetzgebung sind gefordert, die Ansätze dieser Demokratie gefährdenden Dumpfheit im keim zu ersticken", sagte Olmer.

In tief bewegenden Worten schilderte Isaak Levin, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, die Grausamkeiten des NS-Regimes, die seine eigene Familie durchleben musste. Chasan Arieh Rudolph sprach das Kaddisch-Gebet.

Im Anschluss fand die Namensgebung für die neue Synagoge ("Or Chajim") und für den Gemeindesaal ("Willy-Lessing-Saal") statt.

Feierliche Namensgebung

Das "Licht des Lebens" hält die Erinnerung wach, Fränkischer Tag 11.11.2008

GEDENKEN Die Israelitische Kultusgemeinde widmet ihren Saal Willy Lessing. Ihr Vorsitzender Heinrich C. Olmer fordert den interreligiösen Dialog und ruft zu einem sensiblen Umgang mit dem jüdischen Erbe der Stadt auf.

Von unserer Mitarbeiterin Stefanie Wolter

Bamberg - Es war ein Zeichen der Hoffnung, aber auch der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Am 9. November, dem 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, benannte die Israelitische Kultusgemeinde Bamberg ihren Gemeindesaal nach Willy-Lessing, einem der prominentesten Opfer des Nationalsozialismus in der Stadt. Gleichzeitig erhielt das Gemeindezentrum den Namen "Or Chajim", was übersetzt "Licht des Lebens" bedeutet.

In einer gut besuchten Feierstunde erinnerte Heinrich C. Olmer, erster Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, an das reiche kulturelle Leben der jüdischen Gemeinde der Vorkriegszeit, der eine Vielzahl angesehener Ärzte-, Juristen- und Unternehmerfamilien angehörten. Es werde auf absehbare Zeit nicht möglich sein, angemessen an dieses Erbe anzuknüpfen.

Doch solle das Gemeindezentrum als Ort der Versammlung schon durch seinen Namen zum Ausdruck bringen, dass hier der soziale Umgang auf hohem ethischen Niveau gepflegt werden müsse.

Über tausendjährige Tradition

"Hätte man sich dieses Prinzip vor 70 Jahren zu eigen gemacht, wäre die Benennung unseres Saales in "Willy-Lessing-Saal" nicht nötig geworden." Zugleich hob Olmer am Sonntag seinen Wunsch nach gelebten interreligiösen Dialog hervor und appellierte an alle "wohlgesonnenen Menschen", sensibel mit dem jüdischen Erbe der Stadt umzugehen, "im Sinne Willy Lessings, der mit Leib und Seele Bamberger war".

Auch Oberbürgermeister Andreas Starke würdigte die israelitische Gemeinde als "elementaren Bestandteil unserer Stadt" und wichtigen Teil der Stadtgeschichte. Als eine der ältesten Gemeinden Deutschlands blicke sie, wie Bamberg selbst, auf eine über tausendjährige Tradition zurück. Dass es trotz der nationalsozialistischen Verbrechen heute wieder eine große jüdische Gemeinschaft mit rund 900 Mitgliedern gebe, sei für ihn ein Zeichen der Hoffnung. So sollten "Or Chajim" und "Willy-Lessing-Saal" an die schrecklichen Geschehnisse der Vergangenheit, aber auch "an das Positive, das Befruchtende" erinnern, das Bamberg in seiner langen Geschichte den Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens zu verdanken habe. Dies konnte der anschließende Vortrag von Dr. Christian Stücken und Ullie Nikola aus München nur bestätigen. Die beiden Historiker haben die Geschehnisse des 9. November 1938, die letztlich zum Tod Willy Lessings führten, minutiös rekonstruiert und werden ihre Ergebnisse bald in einem Buch veröffentlichen.

Sie betonten, wie aktiv der angesehene Kaufmann am gesellschaftlichen und karitativen Leben der Stadt teilgenommen hatte. So stiftete er nicht nur die Drehbühne des Theaters, sondern auch ein Feuerwehrauto - es zeugt von der tragischen Ironie, dass ebendiese Feuerwehr den Synagogenbrand der Reichspogromnacht nicht löschte, sondern nur ein Übergreifen der Flammen auf die umliegenden Gebäude verhinderte.

Als Lessing, damals Vorsitzender der Gemeindeversammlung, zur Synagoge eilte, kam er nur bis zu einer Absperrung der SA. Er wurde erkannt, zusammengeschlagen und gedemütigt, später drang der Mob auf der Suche nach Plündergut in sein Haus ein und verletzte ihn so schwer, dass er trotz heimlicher ärztlicher Behandlung zwei Monate später starb. Seine Frau, Paula Lessing, die verzweifelt versuchte, die Polizei zu alarmieren, bekam von der Telefonvermittlung zu hören: "Warum schreien Sie denn so?"

Nun erinnert der Gemeindesaal der Israelitischen Kultusgemeinde an Lessings Schicksal. Die Enthüllung des Schriftzuges über dem Eingang bildete den Abschluss der Feierstunde, die in ein geselliges Beisammensein überging.

Copyright: Fränkischer Tag Verlag GmbH & Co.

Aus dem Gebet von Chasan Arieh Rudolph zur Namenseinweihung von Gemeindezentrum und Gemeindesaal:


So, wie wir am Eingang unserer Feier gehört haben: "Mah Towu, ohalejcha Jaakow, mischknotejcha Israel - Wie schön sind Deine Zelte, Jaakow, Deine Wohnstätten, Israel", so möchte ich nunmehr bei der feierlichen Namensgebung erweitern:

"O Ewiger, ich liebe die Stätte Deines Hauses, den Ort, an dem Deine Ehre thront. Und ich bücke mich und beuge das Knie vor dem Ewigen, meinen Schöpfer".

Der Name, den das Gemeindezentrum erhalten soll, ist "Or Chajim - Licht des Lebens". Der Gemeindesaal erhält in Erinnerung an Kommerzienrat Willy Lessing, ein angesehener und prominenter Bamberger Bürger, der in der Pogromnacht versuchte, die Torahrollen aus der brennenden Synagoge zu retten, seinen Namen zum Gedenken.

So wie der Sinn unserer Synagoge ist, ein Haus des Gebets für alle Völker zu sein, so sollen sich unsere Seelen wie die Pflanzen zum Lichte Deiner immerwährenden Gnade zuwenden.

So bitten wir Dich, Ewiger, unser G´tt, erleuchte unseren Geist mit Deinem Lichte, erwärme unser Herz mit Deiner Liebe, segne unseren Dienst, den wir Dir heute weihen, damit dieses Haus eine Stätte des Gebetes und Deiner Verehrung, eine Schule edler Menschlichkeit, die Heimat geschwisterlicher Gesinnung und ein Haus des Gebetes, der Begegnung und Verständigung sei.

Amen.



ViSdP IKG Bamberg

Alle Fotos auf dieser Seite wurden dankenswerter Weise durch Herrn Rudolf Daniel zur Verfügung gestellt. Achtung: Derzeit sind nur die Vorschaubilder zu sehen!

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