Israelitische Kultusgemeinde Bamberg "Or Chajim"

 

Startseite

Geschichte

Ansprechpartner

Religiöse Veranstaltungen

G´ttesdienste

Serviceseite

Gemeindezentrum Seniorenclub

Israelitischer Friedhof

Nachrichten und Veranstaltungen
Gemeindezeitung

Rundgang durch das Jüdische Bamberg

Archiv

Moderiertes Gästebuch

Besucherzähler

Marktplatz

Offene Stellen

Links

Impressum


Pessach 5770 / 2010

Pessach "Mah nischtana, ha´lajlah ha´seh mikol ha´lejlot… - Worin unterscheidet sich diese Nacht von den anderen Nächten des Jahres?", fragt das jüngste Kind der Familie.

Dieses Mal hatten wir ein besonderes Ereignis. Chasan Rudolph und der Vorsitzende der IKG Bamberg, Herr Olmer, hatten die Leiterin der Lokalredaktion des Fränkischen Tages, Frau Glössner-Möschk, zum Sederabend eingeladen, um den interessierten Bürgern in der Osterausgabe der Zeitung einen Einblick in die Gebräuche zu Pessach zu geben. Der Fotograf der Zeitung, Herr Rinklef, wird uns die an dem Abend gemachten Fotos zu Verfügung stellen. Lassen wir die Impressionen, die sich Frau Glössner-Möschk und Herrn Rinklef präsentierten, sprechen. Nachfolgend der Artikel im "Fränkischen Tag" vom 1. April 2010.

Ein fröhliches Fest nach einem strengen Ritus

Fränk. Tag vom 01.04.10 von Getrud Glössner-Möschk

Pessachfest Die Kultusgemeinde Bamberg begeht das hohe jüdische Familienfest alljährlich in ihrem Gemeindezentrum mit vielen Gästen. Mit Bitterkraut und anderen rituellen Speisen gedenkt man des Auszugs aus Ägypten.

Mit dem Familienoberhaupt oder Gemeindevorsteher (in der Mitte Chasan Arieh Rudolph) erhebt die Tischgemeinschaft vier Mal das Glas. alle Fotos: Ronald Rinklef

Hören, riechen, schmecken: Bei diesem Fest ist alles anders - wenn man es aus der gewohnten christlichen Perspektive betrachtet. Die Israelitische Kultusgemeinde Bamberg hat in ihrem Gemeindezentrum in der Willy-Lessing-Straße den Pessach-Seder begangen und dazu alle Mitglieder eingeladen, die das traditionelle Familienfest nicht wie üblich im Kreise von Verwandten und Freunden feiern können - oder auch gar nicht genau wissen, wie man das Fest feiern muss. "Kommen Sie doch einfach auch", hatte Chasan (Kantor und Vorbeter) Arieh Rudolph ein paar Tage zuvor eine formlose, herzliche Einladung ausgesprochen. "Bei uns sind auch Gäste willkommen." In der Tat: Die Pessach-Feier, der Auftakt zu insgesamt acht Feiertagen im jüdischen Kalender, war eine herzerfrischende Begegnung mit der jüdischen Religion und Kultur, vor allem aber mit vielen interessanten und freundlichen Menschen, die sich auf Deutsch, Hebräisch, Russisch, Englisch, Französisch und Spanisch durch ihre gemeinsame Kultur verständigten.

So flossen die Gespräche munter dahin, wenn nicht gerade Chasan Rudolph und die Rabbinerkandidatin Dr. Yael Deusel die Geschichte vom Auszug der Israeliten und die dazugehörigen Gebete und Gesänge vortrugen. Der Pessach-Seder, die den Christen durch das letzte Abendmahl bekannt ist, das Jesus mit seinen Jüngern feierte, ist der freudige Abend, an dem die Juden an das Ende der Sklaverei in Ägypten erinnern und Gott dafür danken. Der Abend folgt einem strengen rituellen Schema, in dem aber genügend Platz bleibt für die Begegnung von Verwandten und Bekannten, für Gespräche und Ausgelassensein. So erzählte uns das Ehepaar Mugrabi, dass zur Pessach-Seder in ihrem Zuhause in Israel immer mindestens 25 Menschen zusammenkommen, und Heinrich Olmer, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde, weiß, dass an diesem Abend in Israel alle Hotels ausgebucht sind: Wer den umfangreichen Vorbereitungen wie dem gründlichen Hausputz (um alles Gesäuerte zu entfernten) sowie den großen Mühen der strengen Vorschriften für die Zubereitung des erforderlichen koscheren Essens entgehen will, feiert außer Haus.

Das Essen ist in den Ablauf fest eingebunden. Die vorgeschriebenen rituellen Speisen stehen schon auf dem Tisch, wenn die Gäste den Speisesaal betreten. Jede von ihnen wird zu einem genau festgelegten Zeitpunkt genossen, jede hat ihre eigene Bedeutung. Charosset zum Beispiel ist eine graubraune Paste aus Nüssen, Zucker und Wein, die rein optisch an die graubraunen Ziegel erinnern, die die Juden für ihre ägyptischen Herren herstellen mussten. Man isst sie zusammen mit einer roten Rettichpaste auf dem ungesäuerten Brot, dem Mazzot. Das ungesäuerte Brot wiederum symbolisiert die Eile, mit der die Juden vor 3000 Jahren das Land Ägypten verlassen haben: Sie hatten keine Zeit, das Brot mit Treibmitteln aufgehen zu lassen. Bittere Kräuter werden in Salzwasser getaucht und gegessen, um an die vergossenen Tränen der Juden zu erinnern. Besonders wichtig ist der Wein, von dem im Verlauf des Abends vier Becher getrunken werden müssen.Wie viel Wein sich jeder in sein Glas einschenkt, bleibt aber dem Einzelnen selbst überlassen...

Leitfaden für den Ablauf ist die Hagada. In ihr ist festgeschrieben, wann welche Geschichten vorgetragen, Lieder gesungen und Gebete gebetet werden müssen. Alle Gäste können mitlesen: Auf jedem Platz liegt das Buch der Pessach Hagada (Erzählung) , das jeder Nicht-Eingeweihte erst einmal falsch in die Hand nimmt: Es wird, wie in der hebräischen Sprache üblich, nicht von links nach rechts aufgeblättert und gelesen, sondern umgekehrt.

Die Kinder haben ihre Freude an einem Stück Mazza, dem so genannten Afikoman, das der Gemeindevorsteher zu irgendeinem Zeitpunkt versteckt und das sie finden müssen. Sie rücken es erst nach einigen Verhandlungen gegen eine kleine Summe Geldes wieder heraus. Beim Pessach-Fest in Bamberg stellte es eines der Kinder ganz pfiffig an: Weil sie das Stück nicht finden konnte, nahm sie einfach eine andere Mazza und "verkaufte" sie an Heinrich Olmer. Der nahm den kleinen Schwindel mit Humor. Ein festliches Mahl krönt jede Pessach-Feier: In Bamberg hatten fleißige Helfer für die etwa 60 Gäste Hühnersuppe mit Mazze-Knödeln, gefilte Fisch (eine Fischpastete), Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse, Obstsalat und Kuchen zubereitet. Die Israelitische Kultusgemeinde richtet alljährlich eine Pessach-Feier in ihrem Gemeindezentrum aus, um auch jene Mitglieder, die ohne Kenntnis der jüdischen Geschichte und der religiösen Riten aufgewachsen sind, an die jüdische Kultur heranzuführen und mit dem Sinn und dem Ablauf des Festes vertraut zu machen. Außerdem kann nicht jeder zu Hause das Pessach-Fest in der Familie feiern. Für Alleinstehende und ältere Menschen hat dieses Angebot deshalb große Bedeutung. Heinrich Olmer erklärt Pessach als das "kulturelle Gedächtnis der Juden". Vor allem die Kinder sollen erfahren: Wo kommen wir her? Welches Erbe müssen wir verwalten? Welche Verantwortung haben wir zu tragen?

"Es ist ein bisschen, als wäre man in einer anderen Welt gewesen", resümierte FT-Fotograf Ronald Rinklef am Ende des Abends. "Nein", widersprach Yael Deusel. "Wir sind hier doch hier gleich hinter dem ZOB."





zurück zur Übersicht