Israelitische Kultusgemeinde Bamberg "Or Chajim"

 

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Woche der Brüderlichkeit 2010

Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit Franken e. V. - Arbeitskreis Bamberg -

VERLORENE MAßSTÄBE.
Jahresthema 2010

Am Sonntag, den 7. März führte Chasan Arieh Rudolph bei klirrender Kälte durch den Israelitischen Friedhof in der Siechenstraße 102, am Nachmittag führte die Kulturreferentin Frau Dr. Deusel durch das Gemeindezentrum und die Synagoge. Beide Führungen wurden von einer großen Anzahl von interessierten Bamberger Bürgern wahrgenommen.

Am 9. März gab es einen Vortrags- und Gesprächsabend im Jüdischen Lehrhaus Bet Midrasch Bamberg mit dem Thema "Dialog, Kooperation, Mission - drei Wege des Umgangs miteinander". Referent war Pfr. Matthias Wünsche.

Am 14. März schließlich erfolgte die Abschlußveranstaltung als Interreligiöse Feierstunde in der Moschee, Coburger Str. 27.
Schirmherr für die Woche der Brüderlichkeit und die Veranstaltungen war OB Andreas Starke.

Auch bei der Veranstaltung zur Woche der Brüderlichkeit in Coburg, nahm Chasan Arieh Rudolph teil und trug als Hauptredner seine Gedanken zu dem Thema „Verlorene Maßstäbe“ vor. Lesen Sie seine Rede (in Auszügen) hier:

Wenn wir uns einen Maßstab ansehen, z.B. einen Zentimetermaßstab, dann sehen wir, dass das Stück Holz von einem Meter Länge in 100 cm und die Zentimeter wiederum in je 10 mm unterteilt sind. Wir haben es somit mit 1000 mm zu tun. Fehlt ein Millimeter …, dann haben wir keinen vollständigen Meter vor uns liegen. … So ist das auch mit der menschlichen Ethik.

… Ethik ist das, was man auch praktische Philosophie nennt oder auf die Religion bezogen das wichtigste Gebot der Bibel: Liebe deinen Nächsten, er ist wie Du! …

Auf uns heute bezogen: Haben wir verlernt, was dieser Maßstab für unser Zusammenleben bedeutet? Laufen wir Gefahr, sittlich zu verwahrlosen?

Sicher haben wir in vielen Fällen unser Augenmaß verloren – jeder, der in der letzten Finanzkrise Geld verloren hat, wird, wenn er ein bißchen in sein Innerstes hört, zugeben müssen, dass ihn die Gier nach noch mehr Geld getrieben hat, bis die Gier so stark wurde, dass alle Vorsichtsmaßregeln über den Haufen geworfen wurden. … Die Forderung nach Maßhalten – ein Begriff, der heute oft aus der Mottenkiste gegriffen erscheint, der aber nach wie vor aktuell ist und auf den Nägeln brennt, politisch und religiös. …

Haben wir nicht gelernt, dass Masshalten auch bedeutet, verzichten zu können? Verzichten, uns zu beschränken zugunsten unseres Nächsten? …

Das bringt mich auch zum Dekalog, den 10 Geboten. Wir lesen, dass es unsere Pflicht ist, Vater und Mutter zu ehren. Die Erfüllung dieser Pflicht ist ein Maßstab für uns Erwachsene, wie wir mit unseren alten Eltern umgehen. Das Gebot ist sehr alt, es ist sogar älter als die 10 Gebote. Es geht nicht an, dass nur der freien Entfaltung in der Spaßgesellschaft wegen die Eltern, die eben nicht mehr so können wie zu ihrer Jugend, ins Altersheim abgeschoben werden, weil sie eine „erdrückende Last darstellten“, wie mir einmal ein Gemeindemitglied erzählte. …

Als ich zum Thema „Verlorene Maßstäbe“ Literatur gesichtet habe las ich etwas über … ein Symbol, uns zu helfen, die gegebene Zeit mit Bedacht einzuteilen: 24 Zoll sind 6 Stunden Arbeit, 6 Stunden G´ttesdienst, 6 Stunden für die Familie dasein, 6 Stunden Schlaf. Damit soll sich der Mensch zügeln und lernen, verzichten zu können, verzichten um seines Nächsten zuliebe. Mit diesem symbolischen Werkzeug sind wir in der Lage, die uns umgebende Vielfalt zu ordnen und jedem Teil seinen Wert und seine Bedeutung für das Ganze zuzumessen und an ihm werden wir mit unseren Taten und Ansichten gemessen.

Dieses Maßnehmen zeigt uns dann aber auch schnell, wer wessen Geistes Kind ist: … Wenn einzelne Menschen … ihre Ellenbogen einsetzen, dann ist das zwar ärgerlich, davon geht die Welt aber nicht unter. Jedoch was kann geschehen, wenn an verantwortlicher Stelle der richtige Maßstab fehlt, wenn Wirtschaftsführer, Funktionäre oder gar Regierungen maßlos werden oder falsche Maßstäbe benutzen? Wenn sie sich nicht mehr wie der erste Diener am Volk sehen, sondern ihre eigenen Vorteile suchen, und dazu auch mal „über Leichen gehen“? …

Welche Lösung steht aber für uns Menschen dann an?

Es gibt Menschen, die rufen uns zu: „Dann mußt du die Messlatte niedriger machen!“ Ja, das klingt logisch…wirklich? Aber: Kann ich mich nicht zuerst ändern? Warum muß ich immer die Rahmenbedingungen ändern und nicht mich am gegebenen Maßstab messen lassen? Warum müssen sich immer die anderen ändern?

Der Maßstab fordert uns auf, genauer hinzusehen. 999 Millimeter sind noch kein Meter und 99 Kopeken noch kein Rubel. Wenn wir das begreifen (oftmals im wörtlichen Sinne), dann wissen wir, was das Einhalten des Maßstabes bedeutet. Ich denke, bei all dem Wandel, der nicht aufzuhalten ist, darf für den Einzelnen wie für die Allgemeinheit die sittlichen Grundsätze der Wahrheit, Menschenwürde und Nächstenliebe sowie das vorurteilsfreie, logische Denken nicht angetastet werden, damit die Menschheit nicht in eine Barbarei zurückfällt.

Das bedeutet für mich den Maßstab nicht zu verlieren!



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