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Der Zug der Erinnerung in Bamberg
Am Sonntag, dem 17.05.2009 wurde möglich, was zuerst unmöglich erschien: der Zug der Erinnerung kommt nach Bamberg! Auch wenn,
bedingt durch die hohen Kosten, die die Deutsche Bahn AG den Veranstaltern aufbürdete, mit Kosten für jeden Fahrkilometer und Standkosten
im Bahnhof Bamberg, daraus nur ein knapper Tag wurde. Wichtig war, dass der Zug in der alten Bischofsstadt war!. Nachfolgend können Sie den Bericht von Claudia Carl für bamberg-guide.de lesen. Text und Bilder unterliegen dem
Copyright von GuideMedia GbR (s.u.).
Ein wichtiger Halt für Bamberg
Der Zug der Erinnerung erweist sich als echter Publikumsmagnet
"Diese Ausstellung ist vor allem deswegen wichtig, damit wir nicht die Sensibilität für Extremismus verlieren. Nur wenn wir die
Erinnerung wach halten, können solch schreckliche Greueltaten nicht mehr passieren", so schloss Organsisator Nikolai Czugunow-Schmitt
seine Begrüßungsrede an Gleis 1 des Bamberger Bahnhofes. Ihm folgten weitere Unterstützer wie Stadtrat Helmut Müller, der in Vertretung
des Oberbürgermeisters gekommen war oder auch Heinrich Olmer von der israelitischen Kultusgemeinde, deren Mitglieder die Gedenkstunde
auch musikalisch begleiteten. Und natürlich die Mädchen der Maria-Ward-Realschule, die sich ganz persönlich für die Aktion eingesetzt
hatten. Der Tenor der Reden war klar: Es ist wichtig und richtig, dass der Zug der Erinnerung auch in der Domstadt Station macht. Dies
bewiesen nicht zuletzt die langen Schlangen der Besucher, die von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends nicht abrissen.
Gegenseitiger Dank und Unterstützung
Mit Czugunow-Schmitt freute sich auch Markus Raupach, der ursprüngliche Initiator und Co-Organisator des Bamberger Zug-Haltes:
"Die bewegenden Worte von Heinrich Olmer und die Musik ließen in mir eine Gänsehaut aufkommen, so als würden die Deportierten für einen
kurzen Moment wieder lebendig. Das unermessliche Leid, das in diesen Tagen Menschen anderen Menschen zugefügt haben, ist für mich und
wahrscheinlich meine ganze Generation nicht vorstellbar. Umso wichtiger, dass wir nun auch unseren Kindern diese Ausstellung zeigen
können." Pastor Günther Kunstmann von der Bamberger Jesusgemeinde stellte klar: "Es ist auch eine Frage des Umgangs mit der Schuld,
die damals gerade auch Christen auf sich geladen haben. Wir haben uns gerne für den Zug engagiert und würden es jederzeit wieder tun."
Für Michael Ehlers von der Bamberger Freimaurerloge gibt es noch einen wirklich wunden Punkt an der Sache: "An diesem Punkt hier, dem Bamberger
Bahnhof, wurden im November 1941 119 Bamberger Juden zum Einstieg in die Abteile der Reichsbahn gezwungen. Abteile des Vorgängerunternehmens
der Deutschen Bahn, die sich heute erlauben, für diesen Zug eine hohe Standmiete zu kassieren." Ein Kopfschütteln über das Verhalten des
Vorstandes der DB Bahn, das auch die Veranstalter des Zuges teilen. Ihnen ist es aber ein wichtiges Anliegen, den Bahnmitarbeitern vor
Ort zu danken, die dem Zug meistens große Unterstützung in der Logistik zukommen ließen, auch wenn die Unternehmensführung der Aktion
eher die kalte Schulter zeige.
Bewegende Bilder
Schon um 7 Uhr am Sonntag Morgen waren die ersten Ausstellungsbesucher gekommen, ein Zustrom, der bis zum Abend anhielt. Deswegen war es
im Zug fast immer relativ dicht gedrängt und wegen der sommerlichen Temperaturen auch sehr warm. Kein Nachteil, wie die 32jährige
Besucherin Astrid Nagel aus Strullendorf fand: "Ich denke, das Gedränge ist gar nicht so schlecht. Da kann man direkt nachempfinden, wie
es den zusammengepferchten Menschen in den Eisenbahnwaggons vor 70 Jahren gegangen ist." Doch nicht nur dieser Umstand brachte die
Kassierin eines Supermarktes zum Nachdenken: "Die Ausstellung geht sehr nahe. Überall Bilder und Fotos von ganz normalen Menschen,
daneben dann die Sterbeurkunden und Unterlagen zur Deportation. So intensiv wie hier habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht."
Holger Meister aus Rödental war extra für den Zug der Erinnerung nach Bamberg gekommen: "Ich musste zwar eine Viertelstunde anstehen,
das Herfahren und Warten hat sich aber wirklich gelohnt. Mir hat zwar meine Großmutter immer von ihren Erlebnissen in der Nazi-Zeit
erzählt, doch die Deportationen haben dabei nie eine Rolle gespielt. Das haben die Menschen wohl einfach verdrängt." So wie dem
43jährigen Media-Markt-Verkäufer ging es auch vielen anderen Besuchern des Zuges der Erinnerung, der damit seinem Namen absolut gerecht
wurde. Bamberg hat sich erinnert: An die dunkelsten Tage seiner Vergangenheit. Und es wird sich weiter erinnern, wenn das Vorbild der
Zivilcourage vieler Bürger, die den Halt des Zuges mit ihren Spenden überhaupt erst möglich gemacht haben, auch in der Zukunft bei
ähnlichen Anlässen wieder Nachahmer findet.
Offener Brief des Bamberger Professors Christoph Bode an die DB Bahn AG
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe soeben in Bamberg die beklemmende und äußerst bewegende Ausstellung "Zug der Erinnerung" besucht, an deren Ende zu erfahren
war, dass Sie von den Organisatoren Monat für Monat Zehntausende von Euro verlangen. Dass Sie sich nicht schämen! Also nicht genug
damit, dass Sie nicht selbst die Vergangenheit Ihres Unternehmens aufarbeiten – wenn andere das für Sie tun, unterstützen Sie sie nicht
etwa, sondern besitzen sogar noch die Unverfrorenheit, von ihnen Stellgebühren und dgl. zu verlangen! Sie sollten dankbar sein!
Tun Sie mir bitte einen Gefallen und erklären Sie mir jetzt nicht, nach welcher Ihrer (von Ihnen selbst erlassenen) Gebührenordnungen
das leider, leider so sein muss. Sie würden mir damit nur beweisen, dass Sie nichts, aber auch gar nichts verstanden haben. Die Deutsche
Bahn AG wird offensichtlich von Personen geführt, denen jedes historische Verantwortungsbewußtsein, aber auch jedes Schamgefühl in
dieser Richtung fehlt.
Es gibt m.E. nur einen Weg aus dieser peinlichen und überaus blamablen Situation, in die Sie sich selbst aus Fühllosigkeit und
Gedankenlosigkeit gebracht haben und in der Sie jetzt – trotz der öffentlichen Empörung und Proteste – in Verstocktheit verharren:
Erlassen Sie dem Verein "Zug der Erinnerung" in Zukunft diese Gebühren, erstatten Sie die bereits überwiesenen Beträge zurück und
unterstützen Sie stattdessen diese Initiative, statt sie, wie bisher, auf beschämende Weise zu behindern!
Voll Ekel und Abscheu über Ihre bisherige Haltung in dieser Frage,
Prof. Dr. Christoph Bode
Aus dem offenen Brief von Horst Selbiger an die DB Bahn AG
Mit dem Vorgängerunternehmen der Deutschen Bahn AG, der Deutschen Reichsbahn, wurden 61 Namensträger der Familie Selbiger in den Tod
gefahren, unter ihnen fünf Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren, nämlich Günther Selbiger, geboren 07.11.1930,
deportiert am 13.06.1942 nach Sobibor, Nathan Selbiger, geboren 02.02.1939, deportiert am 26.02.1942 nach Auschwitz und die drei
Geschwister, Jutta, geboren 22.05.1936, Denny, geboren 02.11.1938 und Gerson Selbiger, geboren 07.06.1942, alle in den Tod gefahren am
09.12.1942 in das Vernichtungslager Auschwitz.
Ich protestiere öffentlich gegen das Verhalten der Deutschen Bahn AG, die zunächst zu den damaligen „Transportkosten“ meiner Verwandten
nun auch noch Standgeld und Folgekosten erstattet haben wollte. Es ist erschütternd und ernüchternd zugleich, mit welcher Schamlosigkeit
Ihre Bahn AG dieses nationale Gedenken an tausender ermordeter Kinder jüdischen Glaubens mit technokratischen Begründungen
hintertreibt.
Meine Forderung ist: Geben Sie den Weg frei für den Zug der Erinnerung und setzen Sie das Signal auf „Grün“!
Unter Mißbilligung Ihrer Hinhalte- und Ausweichtaktiken fordere ich Sie auf, politisches Fingerspitzengefühl zu zeigen.
Horst Selbiger
Claudia Carl 17.05.2009
Copyright: GuideMedia GbR Markus Raupach & Bastian Böttner, Grüner Markt 15,
96047 Bamberg mit freundlicher Genehmigung durch Markus Raupach
Originalseite:
http://www.bamberg-guide.de/bamberg/magazin/artikel.php?id=2621
siehe auch:
http://bamberg-guide.de/bamberg/magazin/artikel.php?id=2617
Hier können Sie auch die Rede lesen, die Michael Ehlers in Vertretung des Meisters vom Stuhl der Freimaurerloge zur Verbrüderung an der Regnitz, Dieter Bierlein,
hielt:
Grußwort zum „Zug der Erinnerung“ am 17.05.09 in Bamberg
Veranstalter:
Zug der Erinnerung e.V.
Markus Raupach
Bamberg Guide
Willy-Aron-Gesellschaft
Dr. Nikolay Czugunow-Schmitt
Von Michael Ehlers
Freimaurerloge „Zur Verbrüderung an der Regnitz"
"Die Aufgabe des wahren Rechts ist es, dem Menschen die Freiheit zu geben, er selbst sein zu können."
Dr. Thomas Dehler, Bamberg
Liebe Ehrengäste,
Meine Damen und Herren,
liebe Kinder und Jugendliche,
Ich freue mich in Auftrag und im Namen unserer Freimaurerloge „Zur Verbrüderung an der Regnitz“ in Bamberg, Ihnen an dieser Stelle ein Grußwort senden zu dürfen.
Das Eingangszitat stammt vom großen Bamberger Politiker Dr. Thomas Dehler der 1949 bis 1953 als Bundesminister der Justiz unsere humanistisch geprägte Demokratie maßgeblich mit aufbaute. Zu ihm später noch ein paar Worte.
Der Grund warum wir alle heute hier sind, ist einer der dunkelsten Punkte der Weltgeschichte. Greueltaten von unglaublichem Ausmaß.
An diesem Punkt hier, dem Bamberger Bahnhof, wurden im November 1941 Einhundertneunzehn (119) Bamberger Juden zum Einstieg in die Abteile der Reichsbahn gezwungen. Dem Vorgängerunternehmen der "Deutschen Bahn", die sich heute erlauben für diesen Zug eine hohe Standmiete zu kassieren.
Unter den deportieren waren viele Kinder und Jugendliche. Das Ziel des Zuges war die heutige Hauptstadt von Lettland Riga. Das Ziel für die Deportierten aber war letztendlich ein Waldstück in der Nähe der Ostseestadt. Der größte Teil der Deportierten wurde dort im März 1942 erschossen.
Den lauten Nazis und seinen stillen Helfern hat es nicht gereicht, diese Menschen zu brandmarken und Ihnen schon das Leben auf Erden zur Hölle zu machen, nein, sie haben sich über das Leben gestellt und sie hingerichtet, einfach nur weil Sie anders waren.
Sie haben es geschafft eine Nation zu bauen, in der das Mitgefühl für den anderen Menschen ausgeschaltet wurde.
Ich selbst bin 1972 geboren und gehöre somit zu der so genannten Generation Golf. Eine Generation die eine humanistische Bildung geschenkt bekommen hat, die einen leeren Kühlschrank und das Gefühl von Hunger nicht kennt und der schon frühzeitig so wichtige Werte wie Menschenliebe und Toleranz vorgelebt wurde.
Dafür gekämpft hat zum Beispiel unser Bamberger Bruder Dr. Thomas Dehler.
Der 1897 geborene Dehler hatte sich schon 1920 einer demokratischen Partei angeschlossen.
Auch nach 1933 blieb er ein Gegner des Nationalsozialismus.
Standhaft hielt er zu seiner jüdischen Frau Irma Frank und rettete ihr durch die "Mischehe" das Leben.
Er wurde zweimal verhaftet und auch in anderer Weise drangsaliert.
Trotz erheblichem Druck der Nationalsozialisten wie auch der NS-dominierten Rechtsanwaltskammer hält Dehler aber nicht nur an seiner Ehe und an seinen jüdischen Mandanten fest, im Gegenteil übernimmt er auch Mandate von Regimegegnern.
Im Stürmer wurde er daraufhin als "echter Judengenosse" tituliert.
1946 ließ er unsere Freimaurerloge wieder zum Leben erwecken, da auch seine Brüder im Nationalsozialismus verfolgt wurden, sofern sie nicht dem toleranten und damals verbotenen Bund abschworen.
Er und viele weitere großartige Menschen haben nicht nur von einer friedlichen, freiheitlichen Gesellschaft geträumt, sondern sie haben gehandelt. Teilweise selbstlos und trotz stark aufkeimendem Gegenwind.
Im Nationalsozialismus wurden vermutlich weit über eine Million Kinder durch die Bahnhöfe unserer Städte gefahren. Vorbei an vielen tausend Menschen, die vielleicht daran gedacht haben zu handeln und diese Züge aufzuhalten. Aber sie haben es im Gefängnis der Ideologie nicht geschafft zu handeln. Eine peinliche Geschichte unserer Vorfahren.
Sie aber, meine Damen und Herren von der Willy Aron Gesellschaft in Bamberg, Sie, lieber Markus Raupach von Bamberg Guide und Sie, die aktiven Mitglieder des Vereins „Zug der Erinnerung e.V.“, Sie haben gehandelt und Sie handeln.
Handeln im Sinne der Menschen.
Sie lassen diesen Zug mit den Geschichten, Namen und Gesichtern der Deportierten Opfer des Nationalsozialismus durch unsere junge Republik fahren und schenken uns damit die Erinnerung an die schlimmsten Greueltaten der deutschen Geschichte. Ja, Sie schenken sie uns. Durch Ihren Einsatz bringen Sie die Kinder und Jugendlichen, z.B. der Maria Ward Schule dazu sich nicht nur mit dieser grausamen Zeit theoretisch auseinanderzusetzen, sondern auch aktiv Ihre Zeit für die gute Sache zu opfern, um für diesen Zug der Erinnerung Spenden zu sammeln, in dem Sie Kaffee und Kuchen auf dem Bamberger Marktplatz verkaufen.
Sie alle geben mit Ihrem Engagement den deportierten Kindern und Jugendlichen Ihre Würde zurück. Ihr Geist wird sicherlich mit diesem Zug mitreisen.
Helfen wir alle, dass dieser Zug weiterfährt!
Und lange Halt macht in den Städten dieser Republik und in unserem Bamberg!
Im Namen der Freimaurerloge Bamberg überbringe ich nicht nur ein Grußwort an Sie alle, sondern sage ausdrücklich DANKE für Ihr Engagement, für Ihr Handeln im Namen der Menschheit.
Danke!
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